Wer im Deutschen etwas meschugge findet, in einem Schlamassel steckt oder endlich Tacheles redet, spricht ein bisschen Jiddisch, oft ohne es zu wissen. Die Sprache der aschkenasischen Juden hat tiefe Spuren im Deutschen hinterlassen. Gleichzeitig ist sie für viele Menschen hierzulande ein Buch mit sieben Siegeln, geschrieben in hebräischen Buchstaben und doch seltsam vertraut im Klang.
Dieser Beitrag erklärt, woher das Jiddische kommt, warum Deutsche es teilweise verstehen und wo es heute noch gesprochen wird.
Ursprung im Mittelalter
Die jiddische Sprache entstand vermutlich um das zehnte bis zwölfte Jahrhundert unter jüdischen Gemeinden im Rheinland. Ihre Grundlage bildeten mittelhochdeutsche Dialekte, ergänzt durch hebräische und aramäische Wörter aus dem religiösen Leben. Als viele Juden später nach Osteuropa zogen, kamen zahlreiche slawische Einflüsse hinzu, vor allem aus dem Polnischen, Ukrainischen und Russischen.
So entstand eine eigenständige Sprache mit germanischem Kern, hebräischem Wortschatz und slawischer Färbung.
Warum Deutsche Jiddisch teilweise verstehen
Hört man gesprochenes Jiddisch, erkennt man als Deutscher viele Wörter wieder. Haus, Kind, gut, schlecht, essen, trinken: Die Grundwörter sind oft sehr ähnlich. Doch der Eindruck täuscht. Grammatik, Satzmelodie und viele Begriffe unterscheiden sich deutlich. Dazu kommen hebräische und slawische Wörter, die ein deutscher Muttersprachler nicht kennt.
Geschrieben wird Jiddisch in hebräischer Schrift, von rechts nach links. Wer die Buchstaben nicht lesen kann, steht vor einem Text zunächst ratlos da, selbst wenn er die Wörter beim Vorlesen verstehen würde.
Jiddische Wörter im Deutschen
Viele jiddische Ausdrücke sind längst Teil der deutschen Umgangssprache. Eine kleine Auswahl:
- meschugge für verrückt
- Schlamassel für eine verfahrene Lage
- Tacheles reden für offen sprechen
- Ganove für Gauner
- koscher im Sinne von in Ordnung
- Massel für Glück
- Zoff für Streit
Manche dieser Wörter kamen über das Rotwelsch, die Sprache fahrender Handwerker und Händler, ins Deutsche. Andere wurden direkt aus dem Zusammenleben in Städten wie Berlin oder Frankfurt übernommen.
Eine Sprache mit tragischer Geschichte
Vor dem Zweiten Weltkrieg sprachen weltweit rund elf bis dreizehn Millionen Menschen Jiddisch. Es gab eine lebendige Presse, Theater, Film und eine reiche Literatur. Der Holocaust vernichtete den größten Teil dieser Sprachgemeinschaft. Nach dem Krieg setzten viele Überlebende und ihre Kinder in Israel und den USA auf Hebräisch oder Englisch.
Die Erinnerung an diese Geschichte ist untrennbar mit der Sprache verbunden.
Jiddisch heute
Totgesagt ist das Jiddische aber keineswegs. In ultraorthodoxen Gemeinden in New York, Jerusalem, Antwerpen, London und anderswo ist es bis heute Alltagssprache, und durch hohe Geburtenraten wächst die Zahl der Sprecher dort sogar. Daneben gibt es eine weltliche Szene aus Musikern, Autorinnen, Wissenschaftlern und Sprachbegeisterten, die Kurse, Festivals und Theateraufführungen organisieren.
Auch in Deutschland erlebt Jiddisch ein wachsendes Interesse. Universitäten bieten Kurse an, Klezmer-Konzerte sind gut besucht, und Archive digitalisieren historische Texte.
Wann ein Übersetzer gefragt ist
Wer Familiengeschichte erforscht, stößt oft auf Briefe, Tagebücher, Grabinschriften oder Dokumente auf Jiddisch. Auch Historiker, Museen und Verlage arbeiten mit solchen Quellen. Da die Texte in hebräischer Schrift verfasst sind und oft historische Schreibweisen oder Handschrift enthalten, braucht es einen spezialisierten jiddisch deutsch übersetzer.
Eine professionelle Übersetzung Jiddisch Deutsch berücksichtigt nicht nur die Sprache, sondern auch den historischen und religiösen Kontext. Viele Begriffe lassen sich nur mit Hintergrundwissen richtig verstehen.
Jiddisch und Hebräisch
Oft werden Jiddisch und Hebräisch verwechselt, weil beide dieselbe Schrift verwenden. Tatsächlich sind es völlig verschiedene Sprachen. Hebräisch ist eine semitische Sprache, Jiddisch eine germanische. Wer Dokumente aus Israel vor sich hat, braucht daher einen hebräisch deutsch übersetzer, keinen Jiddisch-Experten. Bei älteren Familiendokumenten tauchen allerdings manchmal beide Sprachen auf einer Seite auf.
Spuren in Osteuropa
Da ein Großteil der jiddischsprachigen Welt einst in Polen lag, finden sich viele Archivdokumente in polnischen Archiven, oft gemischt mit polnischen Behördenunterlagen. Familienforscher brauchen deshalb häufig zusätzlich einen polnisch deutsch übersetzer, etwa für Geburts- und Sterberegister oder Grundbuchauszüge aus dem neunzehnten Jahrhundert.
Jiddisch lernen
Wer die Sprache selbst lernen möchte, beginnt mit dem hebräischen Alphabet in seiner jiddischen Verwendung. Danach helfen Lehrbücher, Online-Kurse und Sommerkurse in Europa oder den USA. Deutsche Muttersprachler kommen beim Wortschatz oft schnell voran, müssen aber aufpassen, deutsche Grammatik nicht einfach zu übertragen.
Literatur als Türöffner
Die jiddische Literatur hat Weltrang. Autoren wie Scholem Alejchem, dessen Geschichten die Vorlage für das Musical Anatevka bildeten, oder der Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer haben Millionen Leser erreicht. Viele ihrer Werke liegen auch in deutscher Übersetzung vor und sind ein wunderbarer Einstieg in die Welt des Jiddischen.
Musik, Film und Humor
Für viele Menschen führt der erste Kontakt mit dem Jiddischen über die Musik. Klezmer, die traditionelle Instrumentalmusik osteuropäischer Juden, hat seit den achtziger Jahren weltweit ein Revival erlebt. Lieder mit jiddischen Texten erzählen von Liebe, Armut, Auswanderung und Hoffnung. Auch der berühmte jüdische Humor, selbstironisch und scharfsinnig, lebt von jiddischen Wendungen, die sich kaum übersetzen lassen.
Wer einmal ein jiddisches Lied im Original gehört hat, versteht, warum diese Sprache so viele Menschen berührt. Neuere Filme und Serien, die teilweise auf Jiddisch gedreht wurden, haben die Sprache zudem einem jungen, internationalen Publikum nähergebracht.
Fazit
Jiddisch ist weit mehr als eine Sammlung lustiger Lehnwörter. Es ist eine eigenständige Sprache mit tausendjähriger Geschichte, die eng mit dem Deutschen verwandt ist und doch ihren ganz eigenen Charakter hat. Wer sich mit ihr beschäftigt, entdeckt nicht nur Worte, sondern ein reiches kulturelles Erbe mitten in Europa.
